Portrait Martin Sieron

Was mich zur künstlerischen Arbeit treibt: Natürlichkeit vs. Künstlichkeit

Unsere natürlichen Instinkte und deren Umfeld

In einer Welt voller systemischer Zwänge scheinen die natürlichen Instinkte von uns Menschen untergeordnet bzw. gar zunehmend verdrängt. Jedoch spielen sie unweigerlich eine zentrale Rolle für eine intakt funktionierende, koordinierte Existenz innerhalb unserer Gesellschaft.

Als essentielle Parameter nehmen unsere Instinkte seismologisch genau äußere und innere Umstände auf und analysieren diese. Eine solch ausgeprägte Sensibilität macht sie einerseits äußerst wertvoll und uns andererseits verletzlich hinsichtlich jeglicher äußerer  Einflüsse im Sinne unseres ursprünglichen Lebens-Antriebs-Mechanismus.

Künstlichkeit in Form von Konsum- und Trenddiktat

In unserer heutigen Zeit drohen die natürlichen Urgewalten verloren zu gehen bzw. werden teilweise verschüttet. Allem voran steht dabei in unserer Gesellschaft die Form der Reizüberflutung, oftmals künstlich durch vielschichtige öffentliche Medien erzeugt. Diese verdichten sich zur suggestiven Beeinflussung und fungieren in erster Linie als reine Meinungsbildner. Dabei spielen sie eine bedeutende Rolle beim wachsenden Konsumverhalten.

Aus dieser Entwicklung resultieren Erscheinungsformen wie eine zielgerichtete mediale Überflutung des Einzelnen und eine Zunahme inflationärer Trendvorgaben innerhalb unserer Gesellschaft (z.B. gipfelnd im Aufruf einer Überinszenierung), welche das einzelne Allgemeinbefinden zu beherrschen scheinen.

Eine zunehmende Diktatur von Verhaltensvorgaben und -codes umschließen diese als Rückschritt empfundene gesellschaftliche Entwicklung, welche von Leistungsdruck und Status dominiert scheint. Gleichsam entstehen aus diesen normierten Zwängen Irritationen hinsichtlich des Selbstbewusstseins eines Einzelnen, welche sich in der heutigen Zeit zu permanenten psychischen Belastungen (z.B. Burn-out-Syndrom als Erscheinungsform im Arbeitsleben) verdichten und folglich eine starke Wechselbeziehung im gesellschaftlichen Kontext hervorrufen. Eine nicht zu unterschätzende Konsequenz daraus stellt eine immer öfter zutage tretende Bedürftigkeit nach einer Form der Abstimmung mit der eigenen Persönlichkeit im Dialog dar. Daraus resultierende Folgeerscheinungen sind Empfindungen wie soziale Kälte, Ausgrenzung aus der Gesellschaft und in Folge dessen ein gestörtes Selbstbewusstsein.

Glück als natürliches Bedürfnis

Dieser gesellschaftlichen Entwicklung steht beim Einzelnen ein natürlicher Gedanke -das Streben nach persönlichem Glück- gegenüber. Glück wird hier definiert als Freiheit, z.B. in Form von völliger Selbstbestimmung sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben.

Eine notwendige Bewegungsfreiheit innerhalb der Gesellschaft wird dabei als eine archaische Lebensnotwendigkeit eingefordert. So sind es ursprüngliche Impulse und Gefühle, die sich als signifikante Parameter daraus ableiten. Jedoch stehen diese Natürlichkeiten im starken Gegensatz zur offensichtlich forcierten Erwartungshaltung innerhalb der Gesellschaft, in der ein blindes Funktionieren als einziges Credo erscheint.

Entgegen diesem auch als Mainstream bezeichneten Gesellschaftsbild stehen alternative Strömungen, die bestimmte soziale Zwangsschablonen und kastenartige Lebensformen strikt ablehnen und nach Auswegoptionen suchen bzw. individuelle Ausbruchsversuche aus dem sie stark eingrenzenden Gesellschaftssystem unternehmen. Sie lehnen Fremd-bestimmung als diktatorische Form der Gesellschaft ab und widersetzen sich einer empfundenen abgrundtiefen Tristesse mittels leidenschaftlicher Ablehnung.

Meine künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Strömungen

Unter den oben ausgeführten Aspekten werden in meiner künstlerischen Arbeit gesellschaftliche Ausbrüche jeglicher Art und Form näher beleuchtet und in verschiedenen Phasen filigran dargestellt. So stehen die betrachteten Protagonisten mal ganz am Anfang ihrer Auflehnung oder bewegen sich bereits mitten in ihrem neu gewählten Kurs – jedoch immer in spannenden Übergangsmomenten. Oftmals dienen natürliche Elemente wie Bäume oder Pflanzen als prägnante Hintergründe. Sie sollen den Betrachter auf eine unberührte, unbeeinflusste Ebene verweisen und einen vorhandenen Bruch mit den natürlichen Instinkten strikt annullieren.

Die Hauptakteure werden zum größten Teil porträtiert, deren Persönlichkeit wird stärker hervor gehoben, um damit  bei näherer Betrachtung ein intensiveres Einlassen auf  das Sujet (Brüche, Aufbruch) selbst dem Betrachter zu gewähren. Die Mimik der Akteure ist suchend, fragend und veranschaulicht ein sinnbildliches Nachdenken-Eintauchen in sich selbst.

In jedem Falle beherbergen meine Arbeiten unterschiedliche Sichtweisen, die zu innovativen Wegen führen, um als erstarrt, und verharrend wirkende gesellschaftliche Muster aufzubrechen. Die für meine Arbeiten gewählten Ölfarben sind zumeist extra dünn aufgetragen und bilden einen Hinweis auf eine sowohl psychische als auch physische Verletzlichkeit von uns Menschen, besonders ist dies in den Hauttönen der dargestellten Akteure ersichtlich. Ich verarbeite meine Farben zum größten Teil mit den Händen, da ich durch diese Technik ein direktes Verhältnis zwischen meiner künstlerischen Arbeit und der oben näher beschriebenen archaischen Dramatik entfachen möchte.

Den größten Anteil meiner Arbeit umfassen jedoch klassische Licht- und Schatten-Aspekte. So scheinen die dargestellten Akteure auf ihrem Auflehnungsweg von symbolisch erhellenden Lichtreflexen getroffen, während sie noch im großen Dunkel unterwegs sind. Licht steht hierbei für positive Impulse im Dunkel des gesellschaftlichen Ganzen. Diese Symbolhaftigkeit bildet in meinen Arbeiten einen besonders intensiven Kontrast, welcher den meiner Meinung nach absoluten Wendepunkt zwischen zwei unterschiedlich belichteten Welten markiert. Es ist der ersehnte Aufbruch aus der empfundenen Erstarrung des Einzelnen in der Gesellschaft - schlussendlich ein verstärktes Wiederfinden unserer verschüttet geglaubten, ureigenen Instinkte.

Martin Sieron (2010)